Traumaprävention vor und nach der Geburt
Judith Raunig, Klinische- und Gesundheitspsychologin
Vortrag

Jedes dritte Kind erblickt mittlerweile per Kaiserschnitt das Licht der Welt, alleine in Österreich hat sich die Kaiserschnittrate innerhalb der letzten 10 Jahre verdoppelt. Dass eine Schnittentbindung auch emotional belastend sein kann, davon erzählt Judith Raunig. Sie erklärt, wie ein Geburtstrauma entsteht, woran man eine posttraumatische Belastungsstörung erkennt und wie es Frauen gelingt, einen Kaiserschnitt aufzuarbeiten.

Judith Raunig

Die Klinische- und Gesundheitspsychologin Judith Raunig bietet Seminare und Beratungen für Mütter/Väter/Paare sowie Fortbildungen für Fachkräfte zum Thema Kaiserschnitt und Traumaprävention an. Gemeinsam mit Mirjam Unger realisierte sie den Dokumentarfilm "Meine Narbe - Schnitt ins Leben", der 2015 in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ für die ROMY sowie für den Fernsehpreis für Erwachsenenbildung nominiert wurde.

Begriffe im Vortrag
„Meine Narbe“ – Ein Schnitt ins Leben
2017 verzeichnete die Privatklinik Goldenes Kreuz über 1500 Geburten. Eine PDA kam bei etwa 70% aller Spontangeburten zum Einsatz, die Sectio-Frequenz (Kaiserschnittrate) liegt bei 40%. Die Rate an akuten Kaiserschnitten ist glücklicherweise sehr gering.
Die traumatische Zange (nach M. Huber)
Dieser Begriff wurde von der psychologischen Psychotherapeutin Michaela Huber geprägt. Während eines Traumas wird die so genannte traumatische Zange wirksam. Betroffene erleben Ohnmacht, Kontrollverlust und Hilflosigkeit, während heftige Reize auf sie einwirken. Wenn sich ein Mensch nun aus dieser Situation weder befreien noch dagegen ankämpfen kann, fällt er in einen „Freeze“-Modus. Er wird gefühllos und disassoziiert.
Geburtstrauma
Eine Entbindung wird zu einem traumatischen Erlebnis, wenn das Leben des Kindes in Gefahr ist, ein Notkaiserschnitt vorgenommen werden muss, eine ungeplant operative Geburt stattfindet, Gebärende während der Entbindung um ihr Leben fürchten, die Zusammenarbeit mit den GeburtshelferInnen als negativ wahrgenommen wird oder es zu einer Trennung von Mutter und Kind kommt.
Posttraumatische Belastungsstörung
kann potentiell nach jeder traumatischen Erfahrung auftreten, häufig auch nach Kaiserschnitten. Zu den Anzeichen zählen Schlafstörungen, Alpträume, Vermeidungsverhalten, emotionale Abstumpfung/Taubheit, Unruhe, erhöhte Reizbarkeit und/oder aggressives Verhalten.
Sectio-Bonding
Auch nach einem Kaiserschnitt gibt es die Möglichkeit, die Bonding-Phase zwischen Mutter und Kind zu unterstützen. Dafür sind einige Umstellungen im Verfahrensablauf erforderlich. Mütter, die ein Bonding nach dem Kaiserschnitt wünschen, müssen das Team der Geburtshilfe bereits im Vorfeld informieren oder es entsprechend mit der Begleithebamme vereinbaren. Direkt nach der operativen Geburt wird das Baby dann auf den Bauch oder an die Brust der Mutter gelegt. Frühes Bonding intensiviert die Bindung zwischen Mutter und Kind, unterstützt den Heilungsprozess/die Rückbildung der Gebärmutter und schafft optimale Voraussetzungen für einen gelungenen Still-Start. Bonding ist jedoch nicht nur der Mutter vorbehalten, auch Väter profitieren von einem Bindungsaufbau direkt nach der Geburt.
Traumaprävention
Um einem Geburtstrauma vorzubeugen, empfiehlt die Expertin Raunig folgende Maßnahmen: werdende Mütter sollten sich bereits im Vorfeld ausreichend über die Geburt, den Ablauf im Falle eines Kaiserschnittes und den Geburtsort informieren. Auch eine eigene Hebamme ist eine wertvolle Unterstützung. Sie kann eine 1:1 Betreuung gewährleisten und gemeinsam mit der Gebärenden über Interventionen entscheiden, nachdem sie sie ausreichend darüber aufgeklärt hat.